Artikel aus der Zeitschrift "Bolivia" 2007/2008

Kerstin Westerbeck

Afrobolivianer – wider Marginalisierung und Diskriminierung

 

Wenn das Staatsoberhaupt eines mittelamerikanischen Landes öffentlich zum Thema illegale Beschäftigung erklärt, dass jene Arbeit, die illegale Einwanderer verrichten "(...) nicht einmal die Schwarzen machen möchten (...)" geht das nicht ungehört in der Menge unter. Es war eine öffentlich erteilte Ohrfeige, die in das benannte schwarze Gesicht traf. Hemmungslos traf sie auch noch etwas tiefer, mitten in ein seit Jahrhunderten verletztes Selbstwertgefühl ...

 

Äußerungen der genannten Art stellen auf ernüchternde Art und Weise den Status Quo der afroamerikanischen Bevölkerung auf dem amerikanischen Doppelkontinent dar. Sie sind sozusagen aus der Geschichte heraus verinnerlicht. Laut einer 2001 von der Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik CEPAL (Comisión Económica para America Latina y el Caribe) vorgelegten Studie machen die afrikanischen Populationen einen Bevölkerungsanteil von rund 30% auf dem mittel- und südamerikanischen Kontinent aus. CEPAL legt in seinem Bericht dabei offen, dass es eine "Unsichtbarmachung der Problematik des Afrikaners" (invisibilización del problema negro) gibt. Die zitierte Aussage ist nur ein Indikator – unter vielen – hierfür.

 

Was die Bevölkerungszusammensetzung betrifft, unterscheidet sich die Andenregion zu den an die Karibik angrenzenden Staaten und Brasilien: man befindet sich hier innerhalb einer indigenen Mehrheit. In Bolivien gibt es afrikanische Inseln, inmitten indigener Populationen. Sie konzentrieren sich überwiegend auf die Gemeinden: Tocafia, Mururata, Chijchipa, Dorado Chico, Cala Cala in Nor-Yungas und Chicaloma in Sur­Yungas. Über die Gesamtheit ihrer afro-indigenen Bewohner gibt es jedoch keine offizielle Zahlenangabe.

Der letzte Zensus des Nationalen Statistikamtes INE (lnstituto Nacional de Estadfstica) von 2001 ignorierte zum wiederholten Male ihre Existenz. Die offiziell aus der Befragung resultierenden Zahlen begrenzen sich auf die „Kategorien“: weiß, indigen und mestizisch. Die vermuteten 10 bis 30.000 afro-indigenen Mitglieder tauchen in den Statistiken nicht auf. Einerseits ist das Ergebnis klar als ein Resultat erlittener Marginalisierung und Diskriminierung zu sehen: ein Großteil der Afrobolivianer leugnet seine Identität; andererseits bedeutet es für jene, die um selbige afrikanische Identität und Anerkennung kämpfen, einen herben Rückschlag. Hatte doch gerade die bevorstehende Zählung für die Afrobolivianer die Möglichkeit dargestellt, ihren Anteil an der bolivianischen Kultur zu markieren; ihre Identität, wider der täglichen Drangsalierung durch Rassismus, innerhalb des Staates aufzuzeigen und zu verteidigen. Sie gingen jedoch leer aus. Wieder einmal.

 

Der vollständige Artikel, S. 27-31, aus der Zeitschrift „Bolivia“ Nr. 151 (August – Oktober 2007) kann hier bezogen werden.

 

 

Kerstin Westerbeck

Bürden der Migration

 

Die Situation der Bolivianer in Argentinien

„( ..)Jene, die gegangen sind, taten dies weil sie scheinbar nicht mit diesem Land konform waren, das, durch den Neoliberalismus gebeutelt, eine enorme Exilbewegung in Gang gesetzt hat. Jene Bolivianer migrieren aus wirtschaftlicher und sozialer Not heraus. Wir möchten, dass sie sich an dem Projekt zum Aufbau eines neuen Boliviens beteiligen. Ein Bolivien, das allen Bolivianern gleichermaßen gerecht wird (...)"

 

Derart äußerte sich Evo Morales in einem Interview im April 2006. Anlass zur Stellungnahme hatte ein Vorfall geliefert, der das Thema der bolivianischen Migration nach Argentinien in ein alarmierendes Licht stellte: Bei einem Brand in einer Textilfabrik in Buenos Aires waren sechs Menschen ums Leben gekommen, allesamt bolivianische Immigranten. Vier von ihnen waren Kinder, zwei Frauen. Mit dem Unfall kamen auch noch weitere, bislang gut vertuschte Tatsachen auf den Tisch, die eine groß angelegte Inspektion sämtlicher in und um Buenos Aires ansässigen Fabriken nach sich zog. Ein ganzes großindustrielles Textil-Netzwerk, das sich auf sklavenähnliche Behandlung und Ausbeutung von illegalen Einwanderern spezialisiert hatte.

Unter den Arbeiterinnen befanden sich mehrheitlich bolivianische Immigrantlnnen, neben Paraguayerinnen und Peruanerinnen. Die Textilarbeiterinnen selbst hatten über ihre Situation geklagt und die argentinische Regierung zu Maßnahmen aufgefordert. Die Bandbreite ihrer Anklagen reichte über Misshandlungen, unverhältnismäßig lange Arbeitszeiten von 16 bis 18 Stunden, bis hin zu geringer oder gar keiner Entlohnung ihrer Arbeitsleistung. Die Gewerkschaft der Näherinnen (Union de Trabajadores Castureras UTC) meldetet in einer Zeitspanne von nur wenigen Monaten rund 8000 Fälle von Misshandlungen am Arbeitsplatz.

Eine anonyme Arbeiterin berichtet über die sklavenähnlichen Zustände: "An einem normalen Arbeitstag arbeitest du von morgens 7 Uhr bis Mitternacht oder I Uhr nachts im Shop. Oft werden die Frauen nicht bezahlt, die schulden denen noch den Lohn von zwei oder drei Jahren. Aber weil wir keine legalen Papiere haben und unsere Rechte hier in Argentinien nicht kennen, mussten wir ruhig sein. Du hast kein Recht, dir ein Zimmer zu mieten oder legal zu arbeiten (...)"

 

Der vollständige Artikel, S. 37-41, aus der Zeitschrift „Bolivia“ Nr. 153 (Februar – April 2008) kann hier bezogen werden.

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